Das Schweizer Proporzsystem, drei bewährte Karrierewege, vier aussergewöhnliche Geschichten und konkrete digitale Strategietipps für Kandidatinnen und Kandidaten 2027.
Die gesetzlichen Hürden sind bewusst niedrig gehalten – die Schweiz setzt auf das Milizsystem. Wählbar ist grundsätzlich jede stimmberechtigte Person. Laut Art. 136 BV und Art. 2 BPR gelten folgende Voraussetzungen:
Nur Schweizer Staatsbürgerinnen und -bürger können kandidieren. Eingebürgerte Personen sind ohne Wartefrist wählbar – seit 1874 abgeschafft.
Am Wahltag (24. Oktober 2027) muss man das 18. Lebensjahr vollendet haben. Das Stimmrechtsalter wurde 1991 von 20 auf 18 gesenkt.
Wer unter umfassender Beistandschaft steht oder durch eine vorsorgebeauftragte Person vertreten wird, ist nicht wählbar.
Es gibt keine Begrenzung der Amtszeiten. Toni Brunner sass 23 Jahre im Nationalrat (1995–2018), andere noch länger.
Wichtig: Kandidatur über eine Partei
Theoretisch kann man parteilos kandidieren – praktisch ist es ohne Partei nahezu unmöglich, genug Stimmen zu sammeln. Die Partei stellt die Liste, organisiert die Listenverbindungen und trägt wesentlich zur Sichtbarkeit bei. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Seit 1919 wird der Nationalrat nach dem Proporzsystem gewählt. Das bedeutet: Die Sitze werden zuerst proportional zu den Parteistimmen auf die Parteien verteilt – erst dann erhalten die Kandidierenden mit den meisten Stimmen die Sitze ihrer Partei.
Wähler geben einem Kandidaten oder einer Partei ihre Stimme
Alle Stimmen einer Partei werden zusammengezählt (Parteistimmen)
Sitze werden proportional zu den Parteistimmen verteilt
Innerhalb der Partei erhalten die Kandidaten mit den meisten Stimmen die Sitze
Listenverbindungen erlauben Parteien, Stimmen zu bündeln
Wähler können einen Kandidaten zweimal auf die Liste setzen – das verdoppelt seine Stimmen. Für Kandidaten bedeutet das: Wer persönlich bekannt und beliebt ist, profitiert enorm. Kumulieren ist nur bei Proporzwahlen möglich.
Wähler können Kandidaten von verschiedenen Parteilisten auf ihren Wahlzettel schreiben. Das begünstigt Kandidaten, die über Parteigrenzen hinweg bekannt sind – z.B. durch Medienpräsenz oder regionale Verankerung.
Parteien können ihre Listen verbinden – überschüssige Stimmen einer Partei werden dann der verbündeten Partei angerechnet. Ein strategisches Instrument, das 2023 besonders von Mitte-Links-Parteien genutzt wurde.
Es gibt keinen einzigen «richtigen» Weg in den Nationalrat. Diese drei Wege haben sich in der Praxis bewährt – jeder hat seine eigene Logik und seine eigenen Erfolgsfaktoren.
Der bewährteste Weg – Netzwerk und Vertrauen wachsen organisch über Jahre.
Mattea Meyer (SP ZH): Juso → Gemeindeparlament Winterthur → Kantonsrat → Nationalrat 2015 mit 27 Jahren
Fachwissen, Bekanntheit oder Medienpräsenz aus einem anderen Bereich als Sprungbrett.
Roger Köppel (SVP ZH): «Weltwoche»-Chefredaktor → Nationalrat 2015 mit 55'000 Stimmen Vorsprung
Wirtschaftlicher Erfolg schafft Vertrauen bei Wählern – besonders bei SVP und FDP.
Marcel Dobler (FDP SG): Digitec-Mitgründer → Nationalrat 2015 – nutzte sein Startup-Netzwerk gezielt
Diese vier Nationalräte zeigen: Es gibt keinen Standardweg. Was zählt, ist Authentizität, Netzwerk und der richtige Moment.
Der jüngste Nationalrat aller Zeiten
Toni Brunner wurde 1995 mit nur 21 Jahren in den Nationalrat gewählt – jünger als jeder andere je vereidigte Nationalrat in der Geschichte der Schweiz seit 1848. Der Landwirt und Eringer-Züchter aus Ebnat-Kappel war zuvor Gründungsmitglied der SVP Kanton St. Gallen und Präsident der SVP Obertoggenburg. Er sass 23 Jahre im Nationalrat und wurde später SVP-Parteipräsident.
Alter ist keine Voraussetzung – Engagement und lokale Verwurzelung schon.
Der Startup-Gründer als Nationalrat
Marcel Dobler hatte als Mitgründer von Digitec.ch (heute Digitec Galaxus) ein Unternehmen aufgebaut, das die Schweizer Elektronikbranche revolutionierte. Nach dem Verkauf an die Migros kandidierte er 2015 für die FDP im Kanton St. Gallen. Im Wahlkampf setzte er auf sein Startup-Netzwerk und eine digitale Kampagne – und gewann. Er ist heute einer der bekanntesten Tech-Politiker der Schweiz.
Unternehmerischer Erfolg und digitale Kompetenz sind heute Wählermagnet.
Die Unternehmerin mit dem Überraschungssieg
Als CEO der Ems-Chemie AG hatte Magdalena Martullo-Blocher den Börsenwert des Unternehmens verdreifacht. Trotz ihrer Bekanntheit als Tochter von Christoph Blocher überraschte ihr Wahlergebnis 2015 viele Beobachter. Sie führte ihren Erfolg selbst auf ihre Anerkennung als Unternehmerin zurück – Ems-Chemie ist mit knapp 3'000 Mitarbeitern der grösste Arbeitgeber in Graubünden.
Regionale Wirtschaftskraft und Glaubwürdigkeit als Arbeitgeberin sind entscheidend.
Die Nachrückerin, die sofort das Wort ergriff
Aline Trede rückte 2013 als Nachrückerin in den Nationalrat nach – und hielt nur Minuten nach ihrer Vereidigung ihre erste Rede im Plenum. Diese Unmittelbarkeit wurde zum Markenzeichen ihrer politischen Karriere. Sie war 2011 abgewählt worden, kämpfte sich zurück und wurde 2019 wiedergewählt. 2026 wurde sie in den Berner Regierungsrat gewählt.
Rückschläge gehören dazu – wer sich zurückkämpft, wird stärker wahrgenommen.
2027 wird der erste Nationalratswahlkampf, in dem KI-gestützte Kampagnen zum Standard werden. Wer jetzt anfängt, hat einen entscheidenden Vorsprung.
LinkedIn ist der wichtigste Kanal für Nationalratskandidaten. Entscheider, Journalisten und politisch interessierte Wähler sind hier aktiv. Posten Sie 3–5 Mal pro Woche zu Ihren Kernthemen.
Ø 2'400 Follower haben die Top-10 Nationalräte auf LinkedIn (2025)
Ihre Website ist das einzige digitale Zuhause, das Ihnen gehört – kein Algorithmus kann es abschalten. Sie muss in 3 Sekunden klar kommunizieren, wer Sie sind und wofür Sie stehen.
Nur 43% der Nationalratskandidaten 2023 hatten eine eigene Website (Quelle: xeit)
Instagram zeigt die Person hinter dem Politiker. Authentische Einblicke in Ihren Alltag, Ihre Arbeit und Ihre Werte schaffen Vertrauen – besonders bei unter 40-Jährigen.
Nationalräte mit Instagram-Präsenz erhalten 34% mehr Medienanfragen (xeit 2025)
KI kann Ihren Wahlkampf effizienter machen – aber nicht ersetzen. Nutzen Sie KI für Content-Erstellung, Analyse und Vorbereitung, nicht für automatisierte Antworten.
SVP, SP und Grüne setzen 2027 erstmals systematisch auf KI im Wahlkampf (20min, 2025)
Partei und Kanton wählen, Netzwerk aufbauen, LinkedIn-Profil optimieren
Kandidatur anmelden, Website launchen, erste Medienarbeit
Wahlkampf-Materialien, Social-Media-Strategie, Veranstaltungen
Intensive Kampagnenphase, Haustürgespräche, Medienauftritte
Schlussspurt, Mobilisierung, Wahlsonntag 24. Oktober 2027
Wer 2027 in den Nationalrat will, muss heute mit dem Aufbau seiner digitalen Sichtbarkeit beginnen.
Norman Irion, KI-Berater & Wahlkampfexperte, FlyingSales GmbH