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Parlament & Politik

Wie wird man
Nationalrat
in der Schweiz?

Das Schweizer Proporzsystem, drei bewährte Karrierewege, vier aussergewöhnliche Geschichten und konkrete digitale Strategietipps für Kandidatinnen und Kandidaten 2027.

Von Norman Irion, KI-Berater & WahlkampfexperteLesezeit: ca. 8 MinutenNächste Wahl: 24. Oktober 2027
200
Sitze total
Feste Zahl seit 1962
26
Wahlkreise
Jeder Kanton = 1 Wahlkreis
4 Jahre
Amtsdauer
Nächste Wahl: 24. Okt. 2027
Proporz
Wahlsystem
Majorzwahl in 4 Kleinkantonen
UR, GL, AR, AI
Kleinstkantone
Nur 1 Sitz → Majorzwahl
Erlaubt
Listenverbindungen
Strategisches Instrument
Schritt 1

Voraussetzungen für die Kandidatur

Die gesetzlichen Hürden sind bewusst niedrig gehalten – die Schweiz setzt auf das Milizsystem. Wählbar ist grundsätzlich jede stimmberechtigte Person. Laut Art. 136 BV und Art. 2 BPR gelten folgende Voraussetzungen:

Schweizer Bürgerrecht

Nur Schweizer Staatsbürgerinnen und -bürger können kandidieren. Eingebürgerte Personen sind ohne Wartefrist wählbar – seit 1874 abgeschafft.

Mindestalter 18 Jahre

Am Wahltag (24. Oktober 2027) muss man das 18. Lebensjahr vollendet haben. Das Stimmrechtsalter wurde 1991 von 20 auf 18 gesenkt.

Urteilsfähigkeit

Wer unter umfassender Beistandschaft steht oder durch eine vorsorgebeauftragte Person vertreten wird, ist nicht wählbar.

Keine Amtszeitbeschränkung

Es gibt keine Begrenzung der Amtszeiten. Toni Brunner sass 23 Jahre im Nationalrat (1995–2018), andere noch länger.

Wichtig: Kandidatur über eine Partei

Theoretisch kann man parteilos kandidieren – praktisch ist es ohne Partei nahezu unmöglich, genug Stimmen zu sammeln. Die Partei stellt die Liste, organisiert die Listenverbindungen und trägt wesentlich zur Sichtbarkeit bei. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Schritt 2

Das Proporzsystem verstehen

Seit 1919 wird der Nationalrat nach dem Proporzsystem gewählt. Das bedeutet: Die Sitze werden zuerst proportional zu den Parteistimmen auf die Parteien verteilt – erst dann erhalten die Kandidierenden mit den meisten Stimmen die Sitze ihrer Partei.

So funktioniert der Proporz

1

Wähler geben einem Kandidaten oder einer Partei ihre Stimme

2

Alle Stimmen einer Partei werden zusammengezählt (Parteistimmen)

3

Sitze werden proportional zu den Parteistimmen verteilt

4

Innerhalb der Partei erhalten die Kandidaten mit den meisten Stimmen die Sitze

5

Listenverbindungen erlauben Parteien, Stimmen zu bündeln

Kumulieren

Wähler können einen Kandidaten zweimal auf die Liste setzen – das verdoppelt seine Stimmen. Für Kandidaten bedeutet das: Wer persönlich bekannt und beliebt ist, profitiert enorm. Kumulieren ist nur bei Proporzwahlen möglich.

Panaschieren

Wähler können Kandidaten von verschiedenen Parteilisten auf ihren Wahlzettel schreiben. Das begünstigt Kandidaten, die über Parteigrenzen hinweg bekannt sind – z.B. durch Medienpräsenz oder regionale Verankerung.

Listenverbindungen

Parteien können ihre Listen verbinden – überschüssige Stimmen einer Partei werden dann der verbündeten Partei angerechnet. Ein strategisches Instrument, das 2023 besonders von Mitte-Links-Parteien genutzt wurde.

Schritt 3

Drei bewährte Karrierewege

Es gibt keinen einzigen «richtigen» Weg in den Nationalrat. Diese drei Wege haben sich in der Praxis bewährt – jeder hat seine eigene Logik und seine eigenen Erfolgsfaktoren.

01

Die klassische «Ochsentour»

Der bewährteste Weg – Netzwerk und Vertrauen wachsen organisch über Jahre.

Typische Schritte

Eintritt in eine Jungpartei (JSVP, JUSO, Junge Mitte, Junge Grüne, JFDP)
Engagement in lokalen Kommissionen (Schulpflege, RPK, Sozialbehörde)
Wahl ins Gemeindeparlament oder den Gemeinderat
Wechsel in den Kantonsrat / Grossrat
Kandidatur auf der Nationalratsliste der Kantonalpartei

Praxisbeispiel

Mattea Meyer (SP ZH): Juso → Gemeindeparlament Winterthur → Kantonsrat → Nationalrat 2015 mit 27 Jahren

02

Der Quereinstieg via Bekanntheit

Fachwissen, Bekanntheit oder Medienpräsenz aus einem anderen Bereich als Sprungbrett.

Typische Schritte

Aufbau von Bekanntheit in Wirtschaft, Medien, Wissenschaft oder Sport
Kontaktaufnahme mit einer Partei, die Ihr Profil sucht
Direkte Nominierung auf einer kantonalen Nationalratsliste
Intensive Wahlkampagne mit persönlichem Netzwerk

Praxisbeispiel

Roger Köppel (SVP ZH): «Weltwoche»-Chefredaktor → Nationalrat 2015 mit 55'000 Stimmen Vorsprung

03

Der Unternehmer-Weg

Wirtschaftlicher Erfolg schafft Vertrauen bei Wählern – besonders bei SVP und FDP.

Typische Schritte

Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens mit regionaler Strahlkraft
Engagement in Wirtschaftsverbänden (Handelskammer, Gewerbeverband)
Kandidatur als Unternehmer mit konkreten Wirtschaftspositionen
Nutzung des bestehenden Kundennetzwerks für Wahlkampf

Praxisbeispiel

Marcel Dobler (FDP SG): Digitec-Mitgründer → Nationalrat 2015 – nutzte sein Startup-Netzwerk gezielt

Inspirierende Beispiele

Aussergewöhnliche Geschichten

Diese vier Nationalräte zeigen: Es gibt keinen Standardweg. Was zählt, ist Authentizität, Netzwerk und der richtige Moment.

SVP · Kanton SG · Gewählt 1995

Toni Brunner

21 Jahre
bei Wahl

Der jüngste Nationalrat aller Zeiten

Toni Brunner wurde 1995 mit nur 21 Jahren in den Nationalrat gewählt – jünger als jeder andere je vereidigte Nationalrat in der Geschichte der Schweiz seit 1848. Der Landwirt und Eringer-Züchter aus Ebnat-Kappel war zuvor Gründungsmitglied der SVP Kanton St. Gallen und Präsident der SVP Obertoggenburg. Er sass 23 Jahre im Nationalrat und wurde später SVP-Parteipräsident.

Lektion

Alter ist keine Voraussetzung – Engagement und lokale Verwurzelung schon.

FDP · Kanton SG · Gewählt 2015

Marcel Dobler

35 Jahre
bei Wahl

Der Startup-Gründer als Nationalrat

Marcel Dobler hatte als Mitgründer von Digitec.ch (heute Digitec Galaxus) ein Unternehmen aufgebaut, das die Schweizer Elektronikbranche revolutionierte. Nach dem Verkauf an die Migros kandidierte er 2015 für die FDP im Kanton St. Gallen. Im Wahlkampf setzte er auf sein Startup-Netzwerk und eine digitale Kampagne – und gewann. Er ist heute einer der bekanntesten Tech-Politiker der Schweiz.

Lektion

Unternehmerischer Erfolg und digitale Kompetenz sind heute Wählermagnet.

SVP · Kanton GR · Gewählt 2015

Magdalena Martullo-Blocher

46 Jahre
bei Wahl

Die Unternehmerin mit dem Überraschungssieg

Als CEO der Ems-Chemie AG hatte Magdalena Martullo-Blocher den Börsenwert des Unternehmens verdreifacht. Trotz ihrer Bekanntheit als Tochter von Christoph Blocher überraschte ihr Wahlergebnis 2015 viele Beobachter. Sie führte ihren Erfolg selbst auf ihre Anerkennung als Unternehmerin zurück – Ems-Chemie ist mit knapp 3'000 Mitarbeitern der grösste Arbeitgeber in Graubünden.

Lektion

Regionale Wirtschaftskraft und Glaubwürdigkeit als Arbeitgeberin sind entscheidend.

Grüne · Kanton BE · Gewählt 2013

Aline Trede

29 Jahre
bei Wahl

Die Nachrückerin, die sofort das Wort ergriff

Aline Trede rückte 2013 als Nachrückerin in den Nationalrat nach – und hielt nur Minuten nach ihrer Vereidigung ihre erste Rede im Plenum. Diese Unmittelbarkeit wurde zum Markenzeichen ihrer politischen Karriere. Sie war 2011 abgewählt worden, kämpfte sich zurück und wurde 2019 wiedergewählt. 2026 wurde sie in den Berner Regierungsrat gewählt.

Lektion

Rückschläge gehören dazu – wer sich zurückkämpft, wird stärker wahrgenommen.

Digitale Strategie 2027

Digitaler Wahlkampf:
Was wirklich funktioniert

2027 wird der erste Nationalratswahlkampf, in dem KI-gestützte Kampagnen zum Standard werden. Wer jetzt anfängt, hat einen entscheidenden Vorsprung.

01

LinkedIn als Hauptkanal aufbauen

LinkedIn ist der wichtigste Kanal für Nationalratskandidaten. Entscheider, Journalisten und politisch interessierte Wähler sind hier aktiv. Posten Sie 3–5 Mal pro Woche zu Ihren Kernthemen.

Profil vollständig ausfüllen (Foto, Banner, Über mich, Berufserfahrung)
Wöchentlich 1 langer Artikel zu Ihrem politischen Kernthema
Kommentieren Sie aktuelle politische Ereignisse mit Ihrer Perspektive
Vernetzen Sie sich aktiv mit Journalisten, Unternehmern und Verbänden
Kennzahl

Ø 2'400 Follower haben die Top-10 Nationalräte auf LinkedIn (2025)

02

Eigene Website als digitales Hauptquartier

Ihre Website ist das einzige digitale Zuhause, das Ihnen gehört – kein Algorithmus kann es abschalten. Sie muss in 3 Sekunden klar kommunizieren, wer Sie sind und wofür Sie stehen.

Klare Headline: Name + Kanton + 3 Kernthemen
Biografie mit persönlicher Geschichte (nicht nur Lebenslauf)
Positionen zu den 5 wichtigsten Themen Ihres Kantons
Kontaktformular und Newsletter-Anmeldung
Mobile-First: 70% der Besucher kommen vom Smartphone
Kennzahl

Nur 43% der Nationalratskandidaten 2023 hatten eine eigene Website (Quelle: xeit)

03

Instagram für Persönlichkeit und Nähe

Instagram zeigt die Person hinter dem Politiker. Authentische Einblicke in Ihren Alltag, Ihre Arbeit und Ihre Werte schaffen Vertrauen – besonders bei unter 40-Jährigen.

Stories täglich: Hinter-den-Kulissen, Veranstaltungen, Begegnungen
Reels zu politischen Themen (30–60 Sekunden, direkt auf den Punkt)
Kein Hochglanz – Authentizität schlägt Perfektion
Hashtags: #Nationalrat #Schweiz #[IhrKanton] #[IhrePartei]
Kennzahl

Nationalräte mit Instagram-Präsenz erhalten 34% mehr Medienanfragen (xeit 2025)

04

KI-Tools strategisch einsetzen

KI kann Ihren Wahlkampf effizienter machen – aber nicht ersetzen. Nutzen Sie KI für Content-Erstellung, Analyse und Vorbereitung, nicht für automatisierte Antworten.

LinkedIn-Posts mit KI vorformulieren, dann persönlich überarbeiten
Reden und Positionen mit KI strukturieren und auf Schwächen prüfen
Wahlkampf-Materialien (Flyer, Website-Texte) mit KI-Unterstützung erstellen
Gegner-Positionen mit KI analysieren und Gegenargumente vorbereiten
Kennzahl

SVP, SP und Grüne setzen 2027 erstmals systematisch auf KI im Wahlkampf (20min, 2025)

Ihr Fahrplan

Zeitplan bis Oktober 2027

Jetzt – Dez. 2026

Partei und Kanton wählen, Netzwerk aufbauen, LinkedIn-Profil optimieren

Jan. – März 2027

Kandidatur anmelden, Website launchen, erste Medienarbeit

April – Juni 2027

Wahlkampf-Materialien, Social-Media-Strategie, Veranstaltungen

Juli – Sept. 2027

Intensive Kampagnenphase, Haustürgespräche, Medienauftritte

Okt. 2027

Schlussspurt, Mobilisierung, Wahlsonntag 24. Oktober 2027

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Wer 2027 in den Nationalrat will, muss heute mit dem Aufbau seiner digitalen Sichtbarkeit beginnen.

Norman Irion, KI-Berater & Wahlkampfexperte, FlyingSales GmbH

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